Die 11. Plage— Gerrit Zell



Das ist die Geschichte von Brian O’Connor. Opfer 2998.

Tag 1:

Der Arzt würde ihm bestimmt helfen können. Und ein Hirntumor wird es schon nicht sein – dazu waren die Kopfschmerzen nicht stark genug. Oder etwa doch? Brian war sich nicht mehr sicher. Er saß nun schon 45 Minuten im sterilen Wartezimmer und stritt gegen seine eigenen Gedanken. Seit sechs Tagen plagte ihn ein erbarmungsloses Flimmern in seinen Augen. Anfangs verdächtigte er den alten Röhrenfernseher, welcher ihn für den nächtlichen DVD-Marathon bestrafen wollte. Nach zwei Tagen jedoch, beschloss er einen Arzt aufzusuchen. Am vierten Tag rief er schließlich an und bat um einen Termin.

Hier war er also. Immer wieder ging Brian die genaue Beschreibung seines Leidens durch: Dreimal flackert es auf dem rechten Auge, dreimal auf dem linken – seit sechs Tagen.

„O’Connor, in Behandlungszimmer 3 bitte.“, rief die Arzthelferin.
Unter den kritischen Blicken des Arztes betrat Brian das Zimmer und setzte sich zögerlich auf den Patientenstuhl.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann mit weißen Kittel und grauen Haar.
„Meine Augen, Sir. Drei mal flackert es auf dem rechten, dann dreimal auf dem linken, immer wieder – seit sechs Tagen schon.“
„Verstehe… Wie alt sind Sie, Mr. O’Connor?“
„28 Jahre, Sir.“
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sein Gegenüber erneut.
„Meine Augen, Sir. Drei Mal….“ Brian stoppte, als er bemerkte, dass er die Frage gerade erst beantwortet hatte.
„Verstehe… Wie alt sind Sie, Mr. O’Connor?“ Der Arzt verzog keine Miene, während er die gleiche Frage abspulte. War das ein Test?
„Meine Augen, Sir. Wie ich schon sagte … Meine Augen spielen verrückt.“
„Verstehe… Wie alt sind Sie, Mr. O’Connor“
Brian fühlte sich zunehmend unwohl. Wollte der Alte ihn tatsächlich zum Narren halten?
„Wie ich schon sagte, Sir. Meine Augen flimmern. Ich bin 28 Jahre alt. Bitte helfen Sie mir.“
„Eine Grippe kommt drei Tage, bleibt drei Tage, und geht drei Tage.“, antwortete der Arzt auf eine Frage, die Brian nie gestellt hatte.
Brian verspürte den Drang der Situation zu entfliehen. Zu hilflos war er, um sich nun auch noch vorführen zu lassen. Was war das hier? Comedy?
„Es geht um meine Augen, Sir! Verstehen Sie denn nicht?“
„Was kann ich für Sie…“ Noch während der Arzt die Frage wiederholte, sprang Brian aus dem Stuhl, nahm seine Jacke und entfloh dem Zimmer. Empört stürmte er an der Arzthelferin vorbei, die ihn ohnehin zu ignorieren schien. Noch immer hörte er den Arzt in seinem Zimmer reden. Brian musste fliehen, denn kämpfen konnte er nicht.

Als er die schwere Tür zur 2nd Avenue öffnete, umschlang ihn die allgegenwärtige Hektik von New York City. In den überfüllten Straßen fiel ihm das Flimmern weniger auf, schließlich war ohnehin alles in Bewegung.
Es brodelte in ihm. Was sich der Alte wohl einbildete…
In Wut versunken überquerte er die Avenue, bis ein herzzerreißendes Reifenquietschen seine innere Glut schlagartig erstickte. Brian schnappte nach Luft. So, als ob es sein letzter Atemzug gewesen wäre. Gerade rechtzeitig kam der gelbe Tod zum Stehen.
Das Taxi musste aus dem Nichts gekommen sein. Wie ein geschlagener Hund eilte Brain von der Kreuzung und gab die Straße wieder frei. Anstatt demütigen Blickkontakt mit dem Fahrer aufzubauen, blieb Brains Blick an dem Wagen selbst gefesselt. Irgendetwas stimmte nicht. Das Auto schien sonderbar, obwohl es doch ein ganz gewöhnlicher 95er Ford war.
Doch dann fiel es ihm auf: Das Auto war wie ausgeschnitten. Es besaß keinen Schatten. Kein Schatten, der alle Objekte unweigerlich mit ihrer Umgebung verschmolz. Brian kniff die Augen zusammen. Als er sie kurz darauf wieder öffnete, war das Taxi wie vom Erdboden verschluckt. Und doch roch es noch immer nach entzündetem Gummi. Eindeutig muss es da gewesen sein, er konnte es doch riechen. Panik durchflutete sein Herz. Sollte er zurück zum Arzt rennen? Um Hilfe schreien? Nein. Sein Apartment schien der sicherere Ort zu sein.

Brian stürzte durch die Tür, schloss alle Fensterläden, und ließ sich in sein ungemachtes Bett fallen. Er brauchte Schlaf – vielleicht fehlte ihm wirklich nur Schlaf.


Tag 2:

Am nächsten Morgen wachte Brian zweimal auf. Zuerst sein Körper, dann sein Gedächtnis. Noch betrunken von Schlaf, fiel es ihm schwer die Träume der Nacht von den Ereignissen des Vortages zu trennen. Hatte er vielleicht einfach nur sehr lange geschlafen? War alles nur ein schlechter Traum? Doch dann war es wieder da – mit einem Flimmern waren all seine Fragen beantwortet und jeder Hauch von Hoffnung erdrosselt. Drei mal links. Drei mal rechts.

Warum immer er? Gerade erst hatte er sich von der Trennung seiner Freundin erholt, und dann das.

Brian musste aufstehen. Seine Freundin hatte es gehasst, wenn er in Selbstmitleid badete. Mit pochenden Kopf und polterndem Herz zwang er sich aus dem Bett. Nur langsam tastete er sich durch das verdunkelte Zimmer bis er endlich den Lichtschalter im Bad fand.

Als er den Schalter betätigte, fing sein Rasierapparat plötzlich an zu surren.
ZsZsZsZsZsZsZs.
Licht aus – Stille.
Licht an – ZsZsZsZsZsZsZs.
Ein Kurzschluss?
Brian griff aufgeregt nach dem surrenden Gerät. Erstaunt stellte er fest: Das verdammte Ding war aus!
Woher kam dann das Geräusch? Auf jeden Fall war es das Geräusch seines Rasierers. Seit 5 Jahren hörte er es jeden Morgen.
Licht aus –Stille.
Licht an – ZsZsZsZsZs
Gänsehaut biss sich in seinen Nacken, das Herz schlug ihm bis an den Hals. Erst seine Augen und jetzt auch noch seine Ohren. Was war los mit ihm? Ist er verrückt geworden?
Licht aus. Stille.

Immer wenn Brian nicht mehr weiterwusste, rief er seine Mutter in Wyoming an. Auch das hatte seine Freundin gehasst und ihn deshalb regelmäßig als Muttersöhnchen beschimpft. In diesen Momenten hatte Brian immer gehofft, dass sie nie die Mutter seiner Söhne werden würde – und doch hatte es ihn zerrissen, als sie Schluss gemacht hatte. Auch damals hatte er sofort nach Wyoming telefoniert. Seine Mutter war immer für ihn da. Das Telefon klingelte gewöhnlich nie länger als 5 Sekunden, bevor sie abhob.

Dieses Mal waren es schon 8, 9, 10…. Brian zählte mit. Nach 20 Sekunden sprang der Anrufbeantworter an. Brian war erstaunt. Er wusste nicht, dass seine Mutter überhaupt einen besaß. Anstatt einer Stimme schallten ihm Pfeiftöne entgegen. Es pfiff so laut, dass Brian den Hörer von seinem Ohr nehmen musste. Nervös beendete Brian den Anruf und wählte erneut nach Wyoming.

Er versuchte es noch 15 Mal – jedes Mal antwortete ihm das gleiche Pfeifkonzert. Beim 16. Versuch fiel Brian weinend in sich zusammen.


Tag 6:

Die vergangenen Tage waren zu Boten des Wahnsinns geworden. Seit dem Arztbesuch hatte Brian das Apartment nicht mehr verlassen. Er schlief nur, wenn die Paranoia der Müdigkeit für einige Stunden das Schlachtfeld überließ. Während er schlief, wuchsen in seinen Träumen fantasievolle Funken von Hoffnung heran, welche aber nur wenige Sekunden überlebten, bevor sie im Tageslicht erfroren.

Brian konnte seinen Sinnen nicht mehr trauen. Geräusche ohne Quelle irrten durch den Raum, tauchten auf und tauchten ab. Der Rasierapparat, die Klingel, das Telefon – alles funktionierte, doch nichts mehr wie es sollte.
Brian kam zu dem Schluss, dass er verrückt geworden war. Sich selbst als verrückt zu erklären, gilt als einer der abwegigsten Eingeständnisse des menschlichen Bewusstseins. Und doch schien es ihm die einfachste Antwort auf all die Ereignisse zu sein, die gegen seine Wahrnehmung rebellierten.

Brians Vorräte neigten sich allmählich dem Ende zu. Auch wenn er keinen Hunger verspürte, verlangte sein geschundener Körper nach Energie. Der Telefonapparat war einer Verzweiflungstat der letzten Tage zum Opfer gefallen – also konnte er nicht die Nummer von Diego wählen. Der Pizzalieferant von „Patty’s Pizza“ war sein einziger sozialer Kontakt gewesen, nachdem seine Freundin ihn verlassen hatte. Diego hätte ihn sicherlich verstanden, so wie er ihn auch damals verstanden hatte.
Vielleicht sollte er sich einfach auf den Weg nach Greenpoint machen und Diego einen Besuch abstatten. Ja, das sollte er tun, dachte Brian. Seit sechs Tagen war es der erste Gedanke, der ihm ansatzweise richtig erschien.

Beim Herausgehen hätte Brian beinahe seinen Discman vergessen. Das brandneue Gerät war wahrscheinlich das einzig coole an Brian. Auch wenn mittlerweile halb New York und ganz Manhattan einen besaß, fühlte sich Brian noch immer besonders. Als er die Kopfhörer aufsetzte, machte er eine wunderbare Entdeckung: Sobald die Musik spielte, hörte er die wirren Geräusche in seiner Wohnung nicht mehr. Sie wurden, wie jedes gewöhnliche Geräusch, abgeschottet und übertönt. Die Geräusche waren also keine Störung in seinem Kopf, sondern ganz anderer Natur? War die Antwort so einfach?War nicht er der Fehler? Wieso ist er nicht früher darauf gekommen? Wieso hat er sich nicht einfach die Ohren zugehalten?

Brian musste sich konzentrieren, zu viele Erklärungsversuche zwängten sich gleichzeitig durch sein enges Hirn. Die Geräusche entstanden nicht in seinem Kopf – okay – aber was war mit dem Flimmern, dem Arzt – was war mit dem Taxi? Keiner der Gedanken war im Stande die letzten Tage zu erklären. Brian stand noch immer in der Tür und starrte auf das Treppenhaus, während Fat Boy Slim sein Trommelfell gegen den tobenden Mob an Geräuschen verteidigte. Bei der nächsten Stille, bedingt durch einen Liedwechsel, wurden Brians Gedanken von dem vermeintlichen Klingeln des längst zerstörten Telefons unterbrochen.
Verdammt.
Brian gab vorerst auf. Und doch hatte er einen kostbaren Gedanken in all den Wirrungen gefunden. Er taugte zwar nicht als Erklärung, aber es war ein Gedanke, der ihm von nun an die Welt – seine Welt – bedeutete: Er war nicht verrückt.

Mit neuer Hoffnung im Herz und Hunger im Bauch machte sich Brian auf den Weg zu Diego. Fast euphorisch stürmte er das Treppenhaus herunter. Diego würde ihm die beste Pizza New Yorks machen, ganz sicher. Und dann würde er Diego von den bösen Geistern in seiner Wohnung erzählen. Vielleicht hätte er sogar Zeit, sich die Sache selbst anzuhören. Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er sich nach seiner geliebten Pizza Tonno sehnte.

Doch dann, als Brian die Tür öffnete, bot sich ihm ein ungewöhnliches Bild. Die Hektik New Yorks, die ihn sonst zu jeder erdenklichen Uhrzeit empfangen hatte, war einer bedrohlichen Stille gewichen. Die Gehwege waren zwar wie gewöhnlich mit Menschen geflutet – aber sie bewegten sich keinen Schritt. Einige standen wie angewurzelt da, während andere es noch schafften mit den Gliedern zu zucken. Eine streng gekleidete Frau machte einen Schritt vor, nur um ihn in der nächsten Sekunde wieder zurück zu ziehen. Vor, zurück, immer wieder. Ihre Bewegung ähnelte einem Tanz, wie ihn Brian nur aus Reportagen über das New Yorker Nachtleben kannte. Was war hier geschehen? Was war mit den Menschen los?

Während er sich ungläubig umschaute, hörte er plötzlich ein lautes Prasseln.
Tak, tak, tok, tak, tok, tak, tak, tak, tok.
Das Geräusch kam aus dem Himmel. Erschrocken blickte er nach oben und sah wie ein ganzer Taubenschwarm mit der Fassade eines Hauses kollidierte. Die gefallenen Engel trudelten in einem Federregen zu Boden. Brian presste sich gegen die Hauswand, um dem gurrenden Niederschlag auszuweichen. Die Glückseeligen unter den Federviechern hatten den Sturz nicht überlebt. Die weniger Glücklichen waren für die letzten Minuten ihres Lebens zu Geschöpfen der Erde verdammt.

Brians Hunger hatte sich in aufdringliche Übelkeit gewandelt. Er musste sich mehrmals übergeben. Mit den halbverdauten Tiefkühlresten verließen ihn auch alle Kräfte. Auch die Hoffnung war geflohen. New York – die Stadt die niemals schläft, schlief auch an diesem Tag nicht. Nein, sie war in ein tiefes Koma gefallen. Nichts funktionierte. Erst sein Auge, dann der Rasierapparat, und nun die ganze Welt.

Nach Minuten der Ohnmacht, raffte sich Brian wieder auf. Er musste Hilfe holen – die Polizei, vielleicht sogar das Militär. Brian kämpfte sich durch die erstarrten Straßen, vorbei an den liegen geblieben Autos, durch die verhexten Menschenmassen hindurch. In jeder Straße bot sich ihm der gleiche Schrecken. Endlich entdeckte er in der Ferne die Uniform eines Polizisten. Als Brian jedoch erkannte, dass auch dieser keinerlei menschliche Regung besaß, dämmerte ihm, dass er auf keine Hilfe hoffen konnte.

Hilflos und außer Atem machte sich Brian wieder auf den Weg zurück in sein Apartment. Hin und wieder rannten Ratten über die Gehwege. Eine mutige Übung, die sich die Biester sonst nur im Schutze der Dunkelheit wagten. Aber was hatten sie schon zu befürchten? Die steppende Dame? Die stockende Masse? Brian kam langsam wieder zur Besinnung, oder das, was davon übriggeblieben war. Er wunderte sich, wieso die Menschen in Schockstarre verfallen waren, während die Tiere noch halbwegs zu funktionieren schienen.

In einem Anflug von Neugier, näherte sich Brian einem Mann mit Aktenkoffer und breit gestreiftem Hemd. Der Typ musste ein Banker gewesen sein – nur Banker trugen diese albernen Hemden. Das Gesicht der breit gestreiften Gestalt wurde von Zuckungen in den Wangenmuskeln erschüttert. Brian war sich nicht sicher ob er ihn wahrnehmen konnte. Sollte er auf eine Reaktion hoffen, oder war ihm der Typ in seiner misslichen Lage ganz recht? Mit Bankern hatte Brian schon immer ein schwieriges Verhältnis.
„Sir. Hören Sie mich?“ fragte Brian vorsichtig, als er sich einen weiteren Schritt näherte.
„Sir…“
Nichts. Brian schluckte. Er überlegte ob er den Mann berühren sollte. Aber Brian hatte zu viel Angst vor dem was er sah, aber keineswegs verstand – er wandte sich ab. Scheiß auf den Banker, dachte er sich. In finsteren Gedanken versunken, streunte er weiter durch die Straßen von Manhattan.


Tag 11:

In den vergangenen Tagen hatte Brian immer wieder Expeditionen durch die Stadt gewagt.

Jeden Tag hatte er auf einen Hauch von Normalität, auf eine normale Bewegung, vielleicht auf einen Verbündeten gehofft. Nichts von alledem fand er. Und doch ging Brian auch an diesem Tag auf die Straße. Er hatte sich bis in die Bronx durchgekämpft. Einmal mehr in seinen Gedanken versunken, stolperte er plötzlich. Im selben Moment ertönte ein schrilles Geräusch, ähnlich wie das einer Kreissäge. Brian zuckte zusammen. Vor diesem Lärm konnte ihn auch sein schutzbefohlener Discman nicht bewahren. Die Frequenzen bohrten sich in seine Ohrmuscheln. Es war ein Schrei.

Brian war über einen Obdachlosen gestolpert, der halb auf dem Gehweg lag. Anhand seines von Tabak vergilbten Oberlippenbart, hätte man auf eine kratzige Raucherstimme gewettet. Und doch war es der faulige Mund des Bettlers, aus dem der schrille Schrei strömte. Es war wie ein Schreckschuss, der Brians Nerven zum Zerreißen brachte und die dunkelsten Geister aufscheuchte.

Brian war eines dieser Kinder gewesen, die immer einstecken mussten, aber selbst nie Gewalt anwendeten. Gekonnt hätte er es, schließlich war er schon damals einen Kopf größer als seine Peiniger gewesen. Und doch hatte er nie zugeschlagen. Der Pastor in Wyoming hatte ihn stets als guten Christen gelobt. Auf ihn würde der Himmel warten, hatte der Pastor versprochen. Und doch waren es meist nur die dämonischen Nachbarskinder, die auf ihn warteten. Einmal hatte er für einen vermeintlichen Freund gelogen. Die Spuren der väterlichen Züchtigung waren nach einigen Tagen verheilt. Was blieb, war der Scham über sich selbst. Er wurde zu seinem treusten Begleiter. Bei jedem unreinen Gedanken eilte ihm der Scham ins Gewissen und die Röte ins Gesicht. Immer wieder drängte er ihn auf den richtigen Weg der Moral.

So wuchs Brian zu einem aufrichtigen Bürger heran. Nie war er bei Rot über die Ampel gegangen, kein Tier hatte er jemals gequält, auch gelogen hatte er nie wieder.

Und doch … Immer, wenn Brian Menschen beobachtete, die noch schnell über die Kreuzungen huschten, oder sich kleiner Notlügen behalfen, verspürte er Neid. Allen Menschen um ihn herum waren Abkürzungen vergönnt, die er nicht nutzen konnte. Im Korsett der gesellschaftlichen Norm war es Brian versagt normal zu sein. Die Schuldgefühle, die Moral, die Gesellschaft: Es war diese Dreifaltigkeit, die ihn daran hinderte ein Mensch wie jeder andere zu werden.

Aber wo war die Gesellschaft jetzt?

Brian griff nach einem Zeitungsständer. So fest er nur konnte, schlug er auf den kreischenden Bettler ein.

Und wo war die Moral jetzt?

Weil ein Schlag nicht genügte, und zwei es auch nicht taten, schlug Brian immer weiter. Erst als der Zeitungsständer seinen Dienst quittierte, ließ auch Brian von seinem Opfer ab.
Der Penner war dahin, aber sein Geschrei wollte nicht verschwinden.

Und wo waren seine Schuldgefühle jetzt?


Tag 17:

Seit einigen Tagen residierte Brian in der Royal Suite des Four Seasons Downtown. Natürlich wurde er auch hier von dem Chaos terrorisiert, aber das Bett und die Verpflegung waren um fünf Sterne besser als in seinem Apartment. Vor zwei Wochen hatte er sich nicht getraut eine rote Ampel zu missachten, und nun war er zu einem illegalen Hotelbesetzer geworden. Aber was war sein persönlicher Wandel schon gegen die Hölle, die ihn umgab?

Es wurde immer schlimmer. Letzte Woche hatte er beobachtet wie sein Atem gefror – Anfang September. Außerdem war Brian der Überzeugung, er hätte seine Uhr beim rückwärtsdrehen ertappt. Doch damit nicht genug. Das Taxi, dass ihm nach dem Arztbesuch vor zwei Wochen fast überfahren hatte, war wohl nur der Anfang gewesen. Mittlerweile hatten alle Objekte ihren Schatten verloren. Auch sein eigener hatte ihn über Nacht verlassen.
Raum und Zeit – das in Stein gemeißelte Gebot der Physik – schien vom Thron gestürzt zu sein. Wer oder was nun herrschte, entzog sich Brians Vorstellungskraft.

Am Abend saß Brian in dem mächtigen Ledersessel und betrank sich mit Hochprozentigem aus der Minibar. Als der Alkohol seine erste Wirkung zeigte, fragte sich Brian, was wohl mit seiner Ex-Freundin geschehen sein musste. In welcher Situation ist sie wohl erstarrt? Oder lebte sie noch, so wie er selbst noch lebte? Und wie ging es seiner lieben Mutter in Wyoming? War sie auf dem Weg, um ihn zu retten? Oder musste er sie retten? Aber wie?

Gerade als Brian in Melancholie ertrinken wollte, erhellte sich seine Suite.
Durch die hohen Fenster drang ein fahles Licht, ähnlich dem des Mondes. Brian hob sich aus dem Sessel und torkelte benommen zur Fensterfront. Sein Blick wandte sich dem sternenklaren Himmel zu. Erstaunt stellte er fest, dass die Sterne auf eine enorme Größe angeschwollen waren. Es wurde immer heller, sie wuchsen und wuchsen. Nach wenigen Minuten strahlten tausende kleine Monde auf die Erde. Bald hatte das Weiß der Sterne die Schwärze der Nacht verdrängt. Brian warf sich auf den Boden, zu sehr blendete der gleißende Nachthimmel. Trotz fest geschlossener Augen drang die Helligkeit durch seine Lider.

War das das Ende der Welt? Eine Supernova, wie sie Brian aus Star Trek kannte? War das die Erklärung für die außerirdischen Ereignisse der vergangenen Woche? Das berühmte Licht am Ende des Tunnels – am Ende der Welt?

Schlagartig wurde es finster. Nur das entfernte Geräusch seines Discmans versicherte Brian, dass er nicht tot war. Fast enttäuscht öffnete er seine Augen. Erschrocken musste er feststellen, dass nun gar kein Licht mehr am Himmel war. Alle Sterne und auch der Mond waren verschwunden.
Die Erde, der Himmel, alles hatte sich dem Chaos unterworfen.


Tag 18:

Brian spürte, dass es zu Ende ging. Der Verfall konnte nicht ewig andauern, irgendwann musste Schluss sein. Zwei, drei, vielleicht fünf Tage gab er sich und der kaputten Welt noch.

Es war erstaunlich, wie sich mit der Hoffnung auch all seine Ängste auflösten – so, als wären sie unzertrennlich verbunden: Stirbt das eine, bringt es auch das andere ums Leben. So waren seine Geldsorgen in dem Moment erloschen, in dem die Banker auf den Gehwegen erstarrten. Die Angst, dass seine Mutter bald sterben würde, erlosch in dem Moment als er einsah, dass die ganze Welt bald sterben würde. In einer Welt, in der nichts mehr ist, wie es scheint, haben Trauer, Freude, Angst und Hoffnung ihre Macht verloren. Und wo keine Hoffnung, Angst, Freude und Trauer war, da konnte auch Brian nicht sein.

Am Nachmittag schien es so, als ob sich die Stadt noch ein letztes Mal aufbäumte. Auf einen Schlag sprangen alle Alarmanlagen der tausenden Autos an. Auch die Feuersirenen von ganz Manhattan stimmten mit ein. Es klang, als wären die hässlichsten Vögel der Welt zu einem verzweifelten Balzgesang angetreten. Die Fenster bebten.

Brian zog es auf die Straße. Noch bevor er das Erdgeschoss des Four Season erreicht hatte, waren die Posaunen des Zorns verstummt. Wieder war er still. Alles was Brian hörte, waren die gestörten Geräusche, von den weiterhin lebendigen Tieren. Doch auch sie wurden nicht vom Chaos verschont. Während einige Tauben mittlerweile wie Frösche klangen, produzierten einige Ratten die Geräusche einer Fahrradklingel. Alles was noch existierte, existierte falsch.

Was war das? Zu den Geräuschen der Stadtplagen gesellte sich allmählich das dumpfe Heulen einer Flugzeugturbine. Vor einigen Tagen hatte sich Brian schon einmal von dieser Täuschung beirren lassen: Voller Hoffnung hatte er den Himmel nach einem Flugzeug abgesucht. Alles was er fand war eine verdammte Taube, die – wie sollte es auch anders sein – wie ein Flugzeug klang. Nochmal würde er sich nicht reinlegen lassen. Er hasste Tauben.

Gerade als er sich wieder in das Hotel schleppen wollte, wurde es für einen kurzen Moment dunkel. Ein riesiger Schatten flog durch die Straßen. Ein Schatten? Unmöglich. Seit vier Tagen gab es keine Schatten mehr auf dieser Welt. Brian riss den Kopf gen Himmel.

Keine Taube.
Es war tatsächlich ein Flugzeug. Viel zu tief. Viel zu schnell.

Es war der elfte September zweitausendeins. Mit dem ohrenbetäubenden Knall wurde die Stadt aus den Untiefen ihres Komas gerissen. Und plötzlich war alles wieder in Bewegung. Die Autos, die Menschen – hunderte rannten in Panik an Brian vorbei. Er selbst blieb wie angewurzelt stehen. Nun war er es, der nicht mehr laufen, nicht mehr schreien, nicht mehr fühlen konnte. Er war erstarrt. Noch eine Stunde verging, bis die Türme, die Stadt und schließlich auch Brian kollabierten.

Brian O’Connor war das zweitausendneunhundertachtundneunzigste Opfer dieses Tages.



– Gerrit Zell