Vogelfrei— Gerrit Zell



Der Wagen ist eng, doch noch versuchen die unzähligen Leidensgenossen Abstand zu wahren. Noch ist es jedem vergönnt Respekt zu zollen, Fremde Fremde sein zu lassen. Aus allen Mündern dringen Gebete, jeder für sich, Gott für sie alle. Noch herrscht der Mensch, noch lebt der Glaube. Doch bald wird hier weder Mensch noch Glaube sein. Übrig bleiben wird ein Tier mit tausend Mäulern und doppelt so vielen Armen. Ein Knäuel aus Toten, und denen, die es bald sein werden. Sich selbst auffressend, um Platz zu schaffen. Nicht weil es will – weil es muss. So wie die unzähligen Nächte zuvor, in denen der Zug durch das Land gefegt ist. Mit unbarmherziger Geschwindigkeit frisst er sich wie eine ausgehungerte Schlange durch die Wälder, über die Felder, von Stadt zu Stadt.
Da ist Anton, einer der Gefangenen. Noch hat er seinen treuen Gefährten Erich neben sich. Wie immer haben sie sich geschworen niemals los zu lassen.
Und wieder kreischt die Bremsen des Zuges und so kreischt die Fracht. Hunderte drängen in den Wagen, trampeln auf die Schwächeren und da ist es wieder – das Tier. Keiner kann sich mehr rühren, das Atmen fällt schwer. Jetzt sind sie alle eins – doch Erich ist fort. Irgendwo da, ein unbedeutendes Teil der Masse, längst ertrunken im Menschenmeer. Die nächste Stadt, wieder kreischen die Bremsen, wieder kreischt die Fracht. Tausende strömen herein. Nun wird auch sein Leib zerdrückt. Er muss erbrechen. Wie jedes Mal, sind es keine Magensäfte, auch kein Blut. Grobes Salz dringt aus seinem Mund und füllt die letzten winzigen Spalten zwischen ihm und dem Rest – zwischen Mensch und dem Tier.


„Anton … Anton, wach auf“, flüsterte Erich. „Anton!“
Keine Reaktion, wie immer. Schweißgebadet lag der schlafende Anton neben Erich in der Baracke.
Mit den knochigen Fingern musste Erich ihm in die Rippen stechen, damit er endlich aufwachte. Mit der anderen Hand musste er seinen Mund umklammern, damit die anderen nicht aufwachten. Zu laut waren Antons Schreie, wenn Erich ihn aus seinen Alpträumen riss. Keiner durfte geweckt werden – Schlaf war heilig in diesen Tagen. Die Mithäftlinge waren ihnen nicht wohlgesonnen. Jede noch so kleine Störung wurde zur Lebensgefahr für Beide. Sie waren anders unter Anderen.

Erich konnte nun ablassen von seinem Mund. Anton hatte sich noch lange nicht beruhigt, wollte nun aber lieber atmen statt schreien.
„Der Zug, der verdammte Zug“, keuchte Anton so leise es ihm möglich war.
„Nicht so laut, Mensch“, zischte Erich.
„Du musst mich endlich sterben lassen, Erich. Sonst holt er uns immer wieder.“
„Wie letztes Mal, als du das ganze Lager aufgeweckt hast? Du kannst nicht sterben, nicht im Traum.“
„Ach, was weißt du denn? Du hast doch noch nie geträumt.“

Tatsächlich hatte Erich noch nie geträumt. Nicht im Guten, nicht im Bösen. Vor der Inhaftierung hatte er schlafen können wie ein Stein – nichts hatte ihn stören können. Keine Fee und auch kein Kobold hatte in seinem Kopf genistet. Seit acht Monaten jedoch, musste er jede Nacht Wache halten, um Anton zu retten, wenn er seine Alpträume durchlebte. Nur wenige Stunden Halbschlaf waren ihm vergönnt in diesen Nächten.
Es wurde immer schlimmer mit Anton. Jederzeit konnten Schreie aus ihm herausbrechen. Seine düsteren Erzählungen von den nächtlichen Ausflügen legten auch einen Schatten auf Erichs Gemüt.
Er tat es gern, die Nachtwache. Für Anton und für ihre gemeinsame Zukunft. Je kürzer die Aussicht darauf, desto wertvoller erschien sie ihm. Anton war sein letzter Grashalm in einer grauen Welt voller Dreck und Asche, 30 Hektar groß. Die Tage vergingen, und so taten es die Menschen.

Es wurde Herbst. Von seiner Pritsche aus, durch die Gitterstäbe der Fenster, konnte Erich den kräftigen Vollmond sehen. So mächtig die Gitter auch waren, im Winter würden sie ihn nicht vor der Kälte schützen können. Durch sie durch würde sich erst ein Schnupfen, dann Fieber und schließlich eine Lungenentzündung schlängeln. An den rostigen Stäben vorbei, durch alle Münder, in alle Nasen, von einem zum anderen.
Erichs düstere Gedanken wurden von Antons plötzlichem Wimmern und Schütteln unterbrochen. Links neben Erich, ganz nah, wurde er einmal mehr von seinen Träumen gemartert. Der Vollmond warf ein dramatisches Licht auf den ungleichen Kampf. Noch nie hatte er Erich so klar beobachten können.  Jede  Bewegung, jeden Krampf konnte er sehen. Antons Körper zuckte, so als ob dutzende Pfeile durch seine Rippen schossen.

Eben lag der kleine Waldsee noch spiegelglatt, wie ein Ententeich. Doch jetzt, ganz plötzlich, ziehen schwarze Wolken auf. Wie riesige Schlachtschiffe kreuzen sie durch das Blau – versenken die Sonne. Nachtschwarz nun der Himmel, nachtschwarz der Ozean der ihn umgibt. Anton sucht Halt – klammert sich an die Ruder des winzigen Bootes.

„Du musst mich endlich sterben lassen.“ Antons Worte schallte durch Erichs Kopf.
Erich wusste, dass es nicht helfen würde. Es würde nur in einem panischen Schrei enden, der alle aufwecken und sie in Gefahr bringen würde. Und doch zögerte er dieses Mal mit dem Aufwecken. So verbrachte er die nächsten Minuten damit, sein Leiden zu studieren.
Antons Kopf peitschte von der einen Seite auf die andere. Erich erschrak so sehr, dass er beinahe selbst aufgeschrien hätte. Sein Blick fiel auf Antons Hals. Kalter Schweiß rann an ihm herab. Im fahlen Mondlicht schimmerte die pulsierende Halsschlagader.

Das Ufer, eben noch zu greifen nah, ist nicht mehr zu sehen. Zu hoch sind die Wellen, dessen Geisel er geworden ist. Nicht mehr lange und die Nussschale wird kentern. Anton weiß es. Fast jede Nacht war er auf dem Waldsee, der irgendwann zum tobenden Ozean wurde. Fast jede Nacht wurde er von den Wellen verschlungen – sank minutenlang zu Grund. Fast jede Nacht wartete dort unten ein Aal, der in seinen Körper eindringen würde. Durch den Bauchnabel, sich durch die Gedärme windend, in sein Hirn.

Verrückt, wie die Ader bebte, dachte Erich. Als würde der Krieg in Antons Kopf alle Ressourcen des Körpers aussaugen und das Blut in sein geschundenes Hirn pressen. Erich wusste, dass das Unsinn war. Wahrscheinlich strömte es genau so schnell auf der anderen Seite wieder herab. Aber was wenn … Erich stockte. Was, wenn er den Nachschub abschneiden könnte? Was, wenn er den Feind einfach verhungern ließe? So, wie es die verkrüppelten Veteranen vollgesoffen in den Wirtshäusern erzählt hatten: die feindliche Linie durchbrechen, den Nachschub abschneiden, den Feind aushungern lassen.

Das Boot ist gekentert, Anton von den Fluten gefressen. Schwimmen kann er nicht, nicht hier. Schon längst hat er sich ergeben. Längst bereit für die lange Reise in den Abgrund der See.

Erichs Hand kroch unter der Decke hervor und legte sich behutsam auf Antons Hals. Bloß nicht aufwecken, nicht jetzt. Antons Herzschlag zuckte durch die Finger in die Hand. Oft hatten sie sich berührt aber nie hatte er ihn gespürt – nicht so. Behutsam drückte Erich seinen Finger auf die bebende Ader. Immer kräftiger schlug der Puls. So, als würde er auf Erich überspringen wollen, seine Adern und Venen erobern und bis in sein Herz vordringen.

Anton beginnt zu sinken. Der Druck des Wassers umklammert ihn und wird bald zum Nussknacker seiner Schädeldecke werden. Ewige Minuten wird seine Reise zum Grund der See dauern, wie fast jede Nacht. Es sinkt und sinkt. Doch dann, ganz plötzlich und viel zu früh, landet er sanft auf dem Meeresgrund – spürt Boden unter den Füßen. Das war neu, noch nie da gewesen. Schlagartig richtet sich Anton auf und steht plötzlich im nur noch knietiefen Waldsee. Die warme Herbstsonne umgarnt ihn, während er nach Luft schnappt und sich ungläubig umsieht. Verschwunden ist die Schlacht am Himmel, kein Ozean, keine Wellen. Sein Boot liegt friedlich im See.

Der Puls wurde ruhiger, oder war es Einbildung? Nein, er wurde tatsächlich ruhiger. Jeder Schlag schenkte dem nächsten mehr Zeit. Auch Antons Gesicht nahm wieder menschliche Züge an. Sein Finger blieb weiterhin auf der Ader. Ganz langsam drehte sich der Kopf in Erichs Richtung. Die Augen waren schon geöffnet.
„Erich …“ flüsterte Anton mit einer sanften, fast fremd gewordenen Stimme.
Nun war es Erich, der aufgeregt war und fast losschreien wollte.
„Ich habe geträumt, aber …“
„Sag schon, was hast du geträumt?“
„Es war anders, der See … es war … kein Meer mehr. Es war wie immer, aber dann …“
„Es hat funktioniert, Anton, es hat funktioniert!“
„Was hat funktioniert?“
„Ich habe dich gerettet.“

Die nächsten Nächte waren ohne Schlaf für Erich. Ohne jemals selbst geträumt zu haben, spürte er jeden Alptraum auf und zerdrückte ihn wie eine Laus. Durchbrach die feindlichen Linien, schnitt den Nachschub ab, ließ den Feind aushungern.
Anton lernte wieder zu schlafen. Körper und Geist begannen zu genesen. Was früher lange grausame Szenen waren, war nun zu kurz aufblitzenden Standbildern geschrumpft, die dank seinem treuen Gefährten schon nach wenigen Sekunden in sich zusammenfielen. Nach einigen Nächten konnte Erich seine Finger sogar absetzen, ohne dass die Alpträume ihn direkt wieder heimsuchten. So schlimm die Tage auch wurden – Antons Nächte schienen gerettet.

Mittlerweile war es Oktober geworden. Die Herbststürme schoben mächtige Regenbänder über das Land. Dreck, Laub und Asche vermischten sich zu Schlamm. Regen drang durch das Dach der Baracke. Erich und Anton hatten zunächst Glück. Ihre Pritsche stand gut geschützt und trocken. Doch schon bald zwangen die anderen Gefangenen sie, ihr Königreich aufzugeben. Nun lagen sie dort, wo mehr Loch als Dach über ihnen war. Auch in dieser Nacht begann es stark zu regnen.
Doch nicht nur Erich bei seiner nächtlichen Wache wurde nass, auch Antons Traum wurde plötzlich von Wassermassen durchflutet. Er war in einer Höhle, geschützt vom Himmel – und doch fing es plötzlich an zu regnen. Wasserfälle fielen von der Höhlendecke, spülten ihn noch tiefer in den Berg.
Einige Nächte und Träume dauerte es, bis sie es begriffen hatten: Der Regen drang bis in Antons Träume.
Das Loch über ihnen war bald provisorisch gestopft. Was blieb, war die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit direkten Einfluss auf Antons Träume hatte.

Nun war Anton nicht nur frei, er konnte seine Freiheit auch bestimmen. So wagten die Beiden jede Nacht neue Experimente. Erich wurde zum Dompteur von Antons nächtlicher Privatvorstellung.
Sandkörner rieselten über Antons Füße, Tannenzweige fuhren über seinen Hals, Eiszapfen schmolzen in seinem Bauchnabel. Jeder Reiz beförderte ihn in eine andere Traumwelt. Ob Wüste, Arktis oder die ewigen Tannenwälder aus seiner Jugend – Dort wo er war, gab es kein Stacheldraht, kein Lager, keine Baracken.

Anton war der glücklichste Mensch im Lager. Viel glücklicher als die Wärter, viel glücklicher als die Wärter der Wärter. Auch wenn die Tage zunehmend härter wurden, konnten sie ihm die Nächte nicht nehmen. Sie waren unwissend und machtlos, konnten ihn nicht verfolgen. Anton war frei.

Erich genoss seine Rolle als Dompteur, schließlich war es ihm selbst nicht vergönnt zu träumen. Er hatte Anton nicht nur von seinen Alpträume befreit, er hatte ihm auch die Freiheit geschenkt. Anton berichtete nach jedem Traum von seinen Reisen. So versuchte er Erich mitzunehmen, zumindest ein kleines Stück. Anfangs genoss Erich die Erzählungen. Doch Tag für Tag wurden sie länger und schon bald gab es kein anderes Thema mehr. Anton verlor gänzlich das Interesse an der echten Welt. Er hatte sich so sehr in seine Träume verliebt, dass er wütend wurde, wenn er morgens erwachte. Doch Erich hielt alle Launen aus, kümmerte sich nicht um den Zorn.
Er musste ihm dienen, denn eins war ihm klar: Nur einer würde dieses Lager jemals verlassen.

Der Schnee lag wie eine Daunendecke auf den Baracken und doch konnte er die Häftlinge nicht vor der lähmenden Kälte schützen. Jeden Morgen wurden die stocksteifen Körper der Erfrorenen herausgetragen. Nur die Stärksten unter den Schwächsten waren noch am Leben.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kroch Anton unter die Pritsche der beiden. Erich spürte, dass er in den fauligen Brettern pulte.
„Hast du den Verstand verloren?“
„Warte und sei still …“
„Hör auf verdammt, komm zurück!“
„Die letzten Vorräte warten.“
Anton kroch zurück unter die Decke und hielt seine geschlossene Hand vor Erichs Gesicht.
Erst wollte Erich ihm keine Aufmerksamkeit schenken. Doch dann bekam er Angst, dass es beide in Schwierigkeiten bringen könnte.
„Was hast du da, sag schon?“
„Feuer.“
Anton öffnete seine Hand. Drei verwelkte Hagebutten waren darin.
„Was willst du damit? Ist dir das Hirn eingefroren?“
„Weißt du nicht mehr, damals im Wald? Die Kerne sind feinstes Juckpulver, brennt wie Feuer.“

Natürlich erinnerte sich Erich. Jedes Wochenende hatten sie ins Gelände gemusst. Kleine Kinder, nur Unsinn im Kopf. Meistens hatte es der dicke Jakob abbekommen, der ganze Nacken, feuerrot. Erich musste nicht lang überlegen, er wusste was Anton wollte. Eine weitere Nacht in Freiheit, diesmal gewärmt von der Hitze des Feuers.

Es ist eine wolkenlose Nacht, die den vereisten Schnee zum Glitzern bringt. Nicht nur am Himmel, auch am Boden funkeln die Sterne zu Tausenden. Antons nackter Körper bebt vor Frost. Seine Muskeln zittern so sehr, als ob sie sich gleich vom Knochen lösen. Er irrt durch die Eiswüste, ohne Richtung, ohne Ziel. In seiner Hand ein Hirtenstab, der ihm durch den hohen Schnee hilft. Immer weiter geht er, gefühlt Richtung Norden, denn es wird immer kälter. Er spürt seine Glieder nicht mehr. Selbst wenn er wollte, könnte er den Stab nicht loslassen. Bald wird er fallen, einschlafen und erfrieren.

Erichs Finger waren so taub gefroren, dass ihm die Kerne der Hagebutten immer wieder aus den Händen fielen. Als er sie endlich beisammen hatte, spürte er schon wie die Haut um seine Fingernägel plötzlich anfing zu brennen. Endlich konnte er beginnen. Er rieb die Körner zuerst in Antons Gesicht, dann auf den ganzen Körper.


Plötzlich beginnt der Kopf des Stabes wie Kohle zu glimmen. Anton ist verwundert, bis er endlich begreift, dass das seine Rettung ist. Behutsam bläst er mit gefrorenem Atem in die schwache Glut. Schon bald wird der Stab zur Fackel und sein Atem wieder unsichtbar. Der Frost ist geflohen und der Schnee beginnt zu schmelzen. Wärme belebt Antons Körper. Sie umhüllt sein Herz.

Nachdem die Prozedur zu Ende war, schmiegte sich Erich an Antons Körper.

Anton vollführt einen wilden Tanz mit der Fackel. Jeder Schwung, jeder Feuerschweif bringt den umgebenden Schnee zum Schmelzen. Als die Sonne aufging, hat er bereits ein komplettes Feld freigelegt, auf dem nun Blumen blühen und herrlicher Sommer herrscht.

Er hoffte etwas von dem Feuer zu spüren, dass Anton gerade umgab. Er wollte nicht erfrieren, nicht jetzt. Doch da war nichts, keine Wärme, kein Feuer, nicht einmal ein Jucken. Anton war genau so unterkühlt wie er. War das Pulver schon erloschen?

Immer mehr Schnee will er vernichten, Diener der Sonne werden und die Welt von Kälte befreien. Doch dann, ganz plötzlich, wird es Nacht. Anton blickt auf seine Fackel, kann sie nicht mehr sehen. Sie war erloschen, ebenso die Sonne. Die Kälte kommt zurück – sie war nie weg gewesen. Anton rennt los, um nicht von den Schneemassen eingeholt zu werden, die ihr Territorium lawinenartig zurückerobern. Er stolpert, fällt hin. Als er sich wieder aufrappelt, sieht er zwei Schienen im Feld. Schnurgerade Bahngleisen durchziehen sein freigelegtes Blumenmeer. Am Horizont ein Licht das schnell näher kommt. Ein Zug?

Erich wollte gerade mit den letzten Hagebuttenkernen die Prozedur wiederholen, als er Antons rasenden Puls bemerkte. Genau wie damals, als ihn die ewigen Alpträume plagten. Er tastete nach der Halsschlagader. Nein, die Halsschlagader tastete nach ihm, so heftig pulsierte sie gegen seine Finger.

Nun spürt er wie der Boden bebt und sich die Dampflok nähert. Viel zu schnell kommt sie auf ihn zu. Er muss rennen, einfach weg von den Gleisen, weg von dem Schnee. Doch der Zug ist nicht aufzuhalten. Er hat sich von den rostigen Gleise losgerissen und ist auf freier Jagd.

Nicht schon wieder, dachte Erich. Er presste die Finger ganz vorsichtig, so wie damals, gegen Antons Hals. Einmal mehr musste er ihn retten. Er hatte sie doch besiegt, die Alpträume, er hatte ihn doch befreit, dachte Erich voller Verzweiflung.

Nur einer würde dieses Lager jemals verlassen.

Erich hatte ihn nicht befreit – noch nicht. Es wurde Zeit.
Erich erhöhte den Druck auf die Schlagader.

Der Zug, in dem er schon so oft gefangen war, ist wieder gekommen, um ihn zu holen. Er ist ihm auf den Fersen. Anton wird bald anhalten, sich seinem Schicksal stellen und sterben. So muss es kommen.
Dann … Stillstand. Nicht Anton, sondern der Zug ist schlagartig stehen geblieben. Anton rennt noch wenige Schritte, bis er selbst zum Stehen kommt. Er blickt ungläubig zurück, sieht wie die Sonne wieder aufgeht.


Der Puls hatte sich einmal mehr beruhigt. Anton war gerettet.
Aber Erich drückte weiter auf die Schlagader. 
Nur einer würde dieses Lager jemals verlassen.

Hunderte Menschen strömen aus den Wägen. Lachend fallen sie sich in die Arme, dann auf die Wiese, in die Blumen. Ein paradiesischer Anblick, den Anton kaum begreifen kann. Er nähert sich und bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge. In den Gesichtern sieht er keine Angst – er sieht Freude, er sieht Liebe.

Erich begann zu weinen, er war der Befreier. Er erhöhte nochmals den Druck auf Antons Hals.
Nur einer würde dieses Lager jemals verlassen.

Die Menschen liegen in den Blumen, liebkosen sich. Das Licht der Sonne wird immer heller. Unendliche Wärme strömt über die Wiesen. Anton weint vor Glück. Er ist im Paradies. Endlich.

Nur einer hatte dieses Lager jemals verlassen.




– Gerrit Zell